Eine Wurst im Pool

Der derzeit gültige Bundesverkehrswegeplan weist die „Ortsumgehung“ der B45 in Erbach mit der Abkürzung RWA aus. Damit ist keineswegs Richard Wagners A-Dur Klaviersonate von 1832 gemeint, mit der das Bauvolk während des Schaffens beschallt werden soll, sondern eine Forderung zur Raumwirksamkeitsanalyse. Kurz gesagt hat man damit Straßenprojekte zusätzlich in den vordringlichen Bedarf aufgenommen, in den sogenannten RWA-Pool, die sich nicht alleine aus volkswirtschaftlichen Rentabilitätsgesichtspunkten begründen, sondern vielmehr dazu dienen, strukturschwachen und schlecht erreichbaren Regionen Chancen auf eine prosperierende Wirtschaftsentwicklung zu ermöglichen oder aber Städten mit hoch belasteten Ortsdurchfahrten durch Verkehrsentlastungen städtebauliche Entwicklungschancen zu geben.
Zugrundegelegt wird der Raumwirksamkeitsanalyse eine 5-Punkte-Skala. Bei Ortsumgehungen werden das städtebauliche Potential und die Entlastungswirkung als Hauptfaktoren berücksichtigt. Je höher die Einstufung, desto wichtiger ist das Projekt. Die Bewertung reicht von 0 bis 5 Punkten. 0 steht für unsinnig, 5 für eine herausragende Bedeutung.
Erfüllungskriterien sind:
• mindestens 4 Punkte in einem der beiden Zielbereiche (Meistbegünstigung),
• das Nutzen-Kosten-Verhältnis mit größer 3,0 Punkten und
• die Projektkosten von maximal 70 Millionen Euro.
Mit Zielbereichen ist a) das Erreichbarkeitsdefizit und b) die Strukturschwäche gemeint. Die Komponente „Strukturschwäche“ spiegelt die strukturellen Entwicklungsschwächen verschiedener Räume wieder. Grundlage zur Bestimmung sind Indikatoren, die unterschiedliche siedlungsstrukturelle und regionalwirtschaftliche Aspekte miteinander verbinden. Hintergrund bildet die Annahme (!), dass eine verbesserte Verkehrsanbindung einen positiven Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung in einem benachteiligten (!) Raum mit sich bringt.
Erinnert das nicht an Schnurs Wirtschaftswunderfatamorgana? Nachdem er und seine beiden Bürgermeister die dahin gehend benachbarten Städte in ein 22-Millionen-Euro-Loch stürzten, scheint der Strohhalm „Ortsumgehung“ der Rettungsbringer einer verkehrsbedingt – als Hommage an Gerhard Grünewald – verblödeten Überlegung (siehe Ein Rückwärtssalto).
Mit einer fast doppelten Tunnellänge dürften die 70 Millionen Euro allerdings weit überschritten werden, da der geschützte Buntsandstein allerorten auftritt und selbst einfache Absaugturbinen nicht mehr ihren Dienst verrichteten. Worauf ich hinaus will? Sagen Sie es mir! Sagen Sie mir, wo in den Planungsunterlagen ich die erforderliche Raumwirksamkeitsanalyse finde! Oder ist deren Punktekonto kleiner 3,0 oder … gibt es etwa keine ... Raumwirksamkeitsanalyse??? Dann hätten unsere Kreiselplaner wahrlich nicht nur gemogelt in der Mogelpackung "Ortsumgehung", sondern schlichtweg den Staat beschissen.
B45er